›

Die Versöhnung mit meinem früheren Ich

Datum
27. Oktober 2026
die versoehnung mit meinem frueheren ich

Der Junge, den ich so lange abgelehnt habe

Es gibt Dinge, die versteht man nicht von heute auf morgen. Manchmal muss man sich erst einmal selbst begegnen, bevor man versteht, warum man so geworden ist, wie man ist. Bei mir war das der Junge, der ich einmal war. Lange Zeit wollte ich mit ihm nichts zu tun haben. Wenn ich an mein früheres Ich dachte, war da keine Wärme. Ich war hart zu ihm. Ich verachtete ihn für Dinge, die er getan hatte, für seine Unsicherheit und dafür, wie er sich anderen gegenüber verhielt. Ich sah einen Jungen, der sich verbog, der es allen recht machen wollte und der offenbar nicht in der Lage war, für sich selbst einzustehen. Einen Jungen, der sich anpasste und anderen half, vielleicht in der Hoffnung, dadurch etwas Anerkennung zu bekommen. Ich wollte nicht so sein. Ich wollte mit diesem Jungen nichts mehr zu tun haben. Es war schlimmer, als ich es heute in wenigen Sätzen beschreiben kann. Ich habe mich mit aller Kraft gegen ihn gewehrt. Ich wollte ihn umbringen. Ich wollte diesen Teil von mir auslöschen. Ich wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er sollte nicht mehr zu mir gehören. Heute fällt es mir schwer, das so deutlich auszusprechen. Aber es gehört zu meiner Geschichte.

Wie konnte ich so hart zu mir selbst sein?

Ich habe irgendwann begonnen, mich mit meiner Kindheit auseinanderzusetzen. Meine Mutter hatte acht Kinder. Sie war völlig überlastet. Ich kann heute besser verstehen, wie viel das bedeutet haben muss. Aber als Kind konnte ich das nicht einordnen. Ich erlebte ihre Reaktionen und musste versuchen, damit zurechtzukommen. Ihre Regeln waren oft wirr und unlogisch. Manchmal wusste ich nicht, was gerade richtig oder falsch war. Was einmal in Ordnung gewesen war, konnte beim nächsten Mal Ärger geben. Ich wusste oft nicht, was auf mich zukommen würde. Wenn ich etwas falsch machte, hörte ich Sätze wie: „Du weißt es ganz genau.“ Aber ich wusste es eben nicht immer. Für ein Kind ist es schwierig, sich an Regeln zu halten, wenn diese Regeln nicht verlässlich sind. Ich konnte nicht sicher sein, was von mir erwartet wurde. Also versuchte ich, möglichst gut aufzupassen und keine Fehler zu machen. Auch mein Vater machte mir Angst. Er war alkoholkrank und konnte aggressiv werden. Ich lernte früh, auf die Stimmung anderer Menschen zu achten. Ich wollte keinen Ärger verursachen und möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Ich wollte es richtig machen. Ich wollte nicht zur Last fallen. Vielleicht hoffte ich auch, durch mein Verhalten Anerkennung zu bekommen. Wenn ich half, mich anpasste und alles richtig machte, würde ich vielleicht endlich genügen. Aber egal, wie sehr ich mich anstrengte: Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, blieb. Als Erwachsener habe ich vieles davon mitgenommen. Ich wollte perfekt sein, mich absichern und möglichst keine Angriffsfläche bieten. Ich dachte viel darüber nach, wie andere mich sehen könnten. Ich erklärte mich, rechtfertigte mich und versuchte, mögliche Kritik schon im Voraus zu verhindern. Ich hielt das lange für Rücksichtnahme und Fairness. Erst nach und nach erkannte ich, wie viel Angst dahintersteckte. Und ich begann zu verstehen, dass ich nicht nur versuchte, mich vor anderen zu schützen. Ich kämpfte auch gegen mich selbst.

Der Junge war nicht schuld

Eine der schwierigsten Erkenntnisse war, dass ich den Jungen, den ich so verachtete, mit den Augen eines Erwachsenen betrachtete. Ich beurteilte ihn nach Maßstäben, die er als Kind gar nicht erfüllen konnte. Ich war wütend auf ihn, weil er sich nicht wehrte. Weil er sich anpasste. Weil er es anderen recht machen wollte. Weil er offenbar nicht genug Selbstachtung hatte. Aber was hätte dieser Junge denn tun sollen? Er war ein Kind. Er musste mit seiner Umgebung zurechtkommen. Er konnte nicht einfach aus seiner Situation heraustreten und alles so betrachten, wie ich es heute kann. Er wusste nicht, warum die Regeln manchmal so waren, wie sie waren. Er konnte nicht verstehen, warum er für etwas kritisiert wurde, das er vielleicht gar nicht als falsch erkannt hatte. Er konnte die Überlastung seiner Mutter nicht einordnen und war auch nicht dafür verantwortlich. Vielleicht war seine Anpassung der Versuch, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen. Vielleicht wollte er einfach dazugehören und wichtig sein. Ich kann heute nicht jede seiner Reaktionen genau erklären. Aber ich muss ihn auch nicht mehr dafür verurteilen. Er war ein Kind, das Unterstützung gebraucht hätte. Jemanden, der ihm zuhört. Jemanden, der ihm Dinge erklärt. Jemanden, der ihm hilft, wenn er etwas nicht versteht. Jemanden, bei dem er nicht ständig aufpassen muss.

Und dieser Junge war ich.

Der Moment, in dem sich etwas löste

Dann passierte etwas, das ich nie wieder vergessen werde. Ich stellte mir den kleinen Jungen bei mir im Wohnzimmer vor. Ich sah ihn dort. Er spielte einfach nur. Er war unschuldig. Er wollte nichts Böses. Er versuchte nicht, jemandem etwas wegzunehmen oder jemanden zu verletzen. Er spielte einfach. Und plötzlich brach meine ganze Abwehr zusammen. All die Härte, mit der ich mich so lange gegen ihn gewehrt hatte, war auf einmal nicht mehr da. Ein warmes Gefühl durchströmte meinen Körper. Es war, als würde eine schwere Last von mir abfallen. Ich kann mich heute noch genau daran erinnern. Es war ein extrem einschneidendes Erlebnis. Zum ersten Mal konnte ich diesen Jungen sehen, ohne ihn sofort zu verurteilen. Ich sah nicht mehr nur das, was ich an ihm abgelehnt hatte. Ich sah ein unschuldiges Kind. Und dieses Kind war ich. Ich musste nichts mehr gegen ihn unternehmen. Ich musste ihn nicht verändern oder auslöschen. Ich wollte ihn schützen. Aus der Ablehnung war etwas anderes geworden: Mitleid, Fürsorge und Wärme. Ich hatte mich so lange gegen diesen Teil von mir gewehrt. Und in diesem Moment war dieser Kampf plötzlich vorbei.Das Erlebnis hat sich tief in mir eingeprägt. Ich werde es nie vergessen.

Ich kann die Vergangenheit nicht ändern

Ich kann nicht zurückgehen und dem Jungen die Kindheit geben, die er gebraucht hätte. Ich kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist. Ich kann auch nicht nachträglich dafür sorgen, dass alles verständlich und gerecht gewesen wäre. Aber ich kann heute anders auf ihn schauen. Ich kann anerkennen, dass er es schwer hatte. Ich kann verstehen, dass er mit seinen damaligen Möglichkeiten versucht hat, zurechtzukommen. Und ich muss ihn nicht mehr dafür bestrafen. Das bedeutet nicht, dass ich alles gutheiße, was ich früher getan oder gedacht habe. Ich kann mein damaliges Verhalten kritisch betrachten. Ich kann erkennen, was ich heute anders machen möchte. Aber ich muss dafür nicht mehr den ganzen Menschen ablehnen, der ich damals war. Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Ich kann etwas an meinem Verhalten ändern, ohne mich selbst als Mensch abzuwerten.

Ich muss nicht erst beweisen, dass ich gut bin

Je mehr ich mich mit diesen Dingen auseinandergesetzt habe, desto deutlicher wurde mir, wie sehr mein früheres Denken mein Leben beeinflusst hatte. Ich hatte oft das Gefühl, grundsätzlich nicht gut genug zu sein. Ich musste erst beweisen, dass ich ein guter Mensch bin. Ich durfte mir offenbar keine Fehler leisten. Wenn etwas schiefging, war es schnell mehr als nur ein Fehler. Es fühlte sich an, als würde es etwas über meinen Wert als Mensch aussagen. Heute versuche ich, die Dinge anders zu betrachten. Wenn ich einen Fehler mache, kann ich ihn mir ansehen. Ich kann Verantwortung übernehmen und etwas ändern, wenn es nötig ist. Aber ich muss mich dafür nicht als Mensch verurteilen. Ich muss auch nicht jede mögliche Enttäuschung anderer verhindern. Ich kann Rücksicht nehmen, ohne mich selbst dabei zu vergessen. Dafür habe ich mir eine einfache Regel gegeben: Ich entscheide logisch und menschlich, mich eingeschlossen. Meine Entscheidungen sind menschlich vertretbar.
Der letzte Teil ist mir besonders wichtig: mich eingeschlossen. Denn lange Zeit schien es selbstverständlich, dass ich die Bedürfnisse und möglichen Gefühle anderer berücksichtige. Bei mir selbst war ich deutlich weniger nachsichtig. Heute möchte ich auch mir gegenüber menschlich sein.

Die Rüstung ist noch da

Meine Rüstung ist nicht verschwunden. Manchmal bin ich noch immer vorsichtig. Manchmal mache ich mir zu viele Gedanken darüber, wie andere etwas auffassen könnten. Manchmal spüre ich den alten Drang, mich zu erklären oder mich gegen mögliche Kritik abzusichern. Aber ich bemerke diese Reaktionen inzwischen öfter. Und manchmal passiert etwas ganz Einfaches. Ich war am Fluss joggen gewesen und fuhr mit dem Auto los. Ein Mann hielt mich an und fragte, ob ich von hier bin. „Ja klar!“, antwortete ich. Wir unterhielten uns locker. Ich half ihm weiter und fuhr schließlich wieder los. Erst im Auto wurde mir bewusst, was gerade passierte. Früher hätte ich mich vielleicht gefragt, was der Mann von mir will. Ob ich etwas falsch gemacht habe. Ob ich mich erklären muss. Diesmal war ich einfach freundlich und unbeschwert. Ich war überrascht und habe mich gefreut. Zu Hause habe ich meiner Frau gleich davon erzählt. Für andere war es wahrscheinlich eine ganz gewöhnliche Begegnung. Für mich war es ein Zeichen dafür, dass sich etwas verändert hat. Ich muss nicht mehr auf jede Situation vorbereitet sein. Ich muss nicht überall eine mögliche Gefahr erkennen. Ich darf einfach reagieren und schauen, was passiert. Vielleicht kann ich heute deshalb anders mit solchen Situationen umgehen, weil ich auch anders mit mir selbst umgehe. Ich muss mich nicht mehr ständig gegen mich selbst verteidigen.

Ich bin noch unterwegs

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass jetzt alles gut ist und ich meine Vergangenheit vollständig hinter mir gelassen habe. Meine Rüstung ist noch da. Alte Gedanken und Reaktionen tauchen manchmal wieder auf. Aber ich kann sie heute öfter erkennen und anders mit ihnen umgehen. Ich muss nicht mehr jedem Gedanken folgen. Ich muss nicht jede Situation lösen und nicht jeden Menschen überzeugen. Ich kann Fehler machen, ohne mich selbst infrage zu stellen. Ich kann anderen ihre Meinung lassen, ohne mich endlos zu erklären. Und ich kann auf den Jungen zurückblicken, der ich einmal war, ohne ihn verachten zu müssen. Er gehört zu meiner Geschichte. Ich muss mich für ihn nicht mehr schämen. Vielleicht ist das Versöhnung. Nicht, dass ich alles gutheiße. Nicht, dass ich meine Vergangenheit schönrede. Sondern dass ich aufhöre, einen Teil von mir zu verurteilen, der damals einfach versucht hat, zurechtzukommen. Der Junge von damals musste nicht erst beweisen, dass er es wert war, gut behandelt zu werden. Das hätte schon damals gelten müssen. Heute kann ich wenigstens damit anfangen, selbst so mit ihm umzugehen.
Und mit mir.

Bevorzugter Kontakt
StillGoing-42195@tutamail.com
Passend zum Beitrag
Beitrag teilen

Kommentare zum Beitrag

Man muss angemeldet sein um Kommentare zu hinterlassen, oder darauf zu antworten.
Anmelden | Login ›

Schreibe einen Kommentar

magnifiercrosschevron-downchevron-right