Still Going – Mein Weg zum Marathon
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Mein Weg zum Marathon
Marathon 2027 – Der Weg ist das Ziel
1. Eigentlich wollte ich zurück zum Eishockey
Eigentlich wollte ich wieder Eishockey spielen. Das war der ursprüngliche Plan. Laufen
war eher Mittel zum Zweck.
Irgendwann habe ich festgestellt, dass mir das Laufen gefällt. Nicht unbedingt, weil es
immer leicht wäre. Sondern weil es etwas mit mir macht. Ich komme in Bewegung, kann
meinen Gedanken nachgehen und merke, dass ich etwas aufbauen kann.
Zuerst dachte ich an einen Halbmarathon. Das erschien schon weit genug entfernt. Ich
bin schließlich kein Läufer. Ich hätte vermutlich versucht, mich irgendwie
durchzubeißen, wenn es schwierig geworden wäre.
Dann kam mir der Gedanke an einen Marathon.
Warum ausgerechnet die volle Distanz? Ich kann es nicht einmal genau erklären.
Vielleicht reizte mich gerade, dass sie mir unmöglich erschien. Vielleicht wollte ich
herausfinden, ob ich etwas schaffen kann, das nicht mit einem kurzen Kraftakt zu
erledigen ist.
Ein Marathon verlangt Zeit. Geduld. Regelmäßigkeit. Und die Bereitschaft, nicht heute
schon dort sein zu müssen, wo man erst in einem Jahr sein kann.
Also habe ich mich für den Marathon entschieden.
Wenn ich es mache, dann richtig. Und ich nehme mir die Zeit, die ich brauche.
2. Ein Ziel, das weit genug entfernt ist
Der Marathon ist für 2027 geplant. Bis dahin ist es noch ein Stück Weg.
Ich muss nicht morgen einen Marathon laufen können. Ich muss heute das tun, was
heute sinnvoll ist.
Das klingt einfach. Ist es aber nicht immer. Ich kenne den Wunsch, etwas möglichst
schnell erledigen zu wollen. Einen Haken dahinter zumachen. Zu wissen, dass es
geschafft ist.
Beim Marathon funktioniert das nicht. Jedenfalls nicht, wenn man vernünftig an die
Sache herangehen will.
Es braucht Training, Kraft, Beweglichkeit und Erholung. Es braucht Tage, an denen man
etwas leistet, und Tage, an denen man bewusst weniger macht. Manchmal muss man
auch pausieren, obwohl man lieber weitermachen würde.
Ich möchte nicht einfach irgendwie über die Ziellinie kommen. Ich möchte mir die
Fähigkeit aufbauen, diese Strecke laufen zu können.
Das ist ein Unterschied.
3. Ich will, dass es normal wird
Mein eigentliches Ziel ist nicht nur, einmal einen Marathon zu laufen.
Ich möchte, dass das Training zu meinem Leben gehört. Laufen, Krafttraining,
Beweglichkeit – nicht als zeitlich begrenztes Projekt, das irgendwann abgeschlossen ist,
sondern als normaler Bestandteil meines Alltags.
Vielleicht weiß ich irgendwann gar nicht mehr genau, warum ich damit angefangen habe.
Ich mache es dann einfach, weil es zu meinem Leben gehört.
Schon heute merke ich, dass ich manches anders bewerte als früher. Wenn ich ohne
Knieschmerzen trainieren kann, ist das keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Erfolg.
Wenn etwas zwickt, muss ich nicht beweisen, dass ich hart genug bin, um darüber
hinwegzugehen. Dann muss ich herausfinden, was sinnvoll ist. Vielleicht die Belastung
reduzieren. Vielleicht pausieren. Und anschließend wieder vernünftig einsteigen.
Mein Körper ist schließlich kein Gegner, den ich besiegen muss.
Ich möchte nicht nur an einem einzigen Tag Marathonläufer sein. Ich möchte mir ein
Leben aufbauen, in dem ich einen Marathon laufen kann und danach weiterlaufe.
Das Ziel ist also auch, dass es normal wird.
4. Der Stoizismus kam dazu
Der Stoizismus war am Anfang nicht Teil des Plans. Erst kam die Idee mit dem Marathon.
Später kamen andere Erkenntnisse hinzu. Und irgendwann bemerkte ich, dass sich die
Dinge miteinander verbinden.
Am Stoizismus interessiert mich vor allem die Frage, worauf ich tatsächlich Einfluss
habe – und worauf nicht.
Das klingt zunächst nach einer theoretischen Überlegung. Im Alltag wird daraus aber
eine sehr praktische Angelegenheit.
Es regnet. Ich wollte laufen. Also regnet es eben, und ich laufe, sofern die Bedingungen
es zulassen.
Das Wetter muss nicht so sein, wie ich es gern hätte. Ich muss mich darüber nicht
ärgern. Ich kann mich auf das konzentrieren, was ich beeinflussen kann: meine
Entscheidung, meine Haltung, mein Tempo.
Natürlich klappt das nicht immer. Ich bin schließlich kein Stoiker aus dem Lehrbuch.
Aber ich merke, dass ich nicht auf jede unangenehme Situation reagieren muss, als
wäre sie ein Problem, das sofort gelöst werden muss.
Manchmal reicht es, die Situation anzunehmen und das zu tun, was sinnvoll ist.
Beim Laufen kann das bedeuten, den Rhythmus zu finden, den Oberkörper aufzurichten
und weiterzulaufen. Nicht gegen den Regen anzukämpfen, sondern einfach zu laufen.
Es gibt einen Unterschied zwischen einer schwierigen Situation und einem Kampf, den
ich zusätzlich daraus mache.
5. Die Therapie läuft ihren eigenen Weg
Parallel dazu hat sich in meinem Leben etwas anderes entwickelt: die Therapie.
Ich habe begonnen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Mit meiner
Vergangenheit, meinen Verhaltensmustern und der Frage, warum ich in bestimmten
Situationen so reagiere, wie ich reagiere.
Dabei sind Dinge sichtbar geworden, die ich vorher nicht so klar gesehen habe.
Ich kenne das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Ich kann lange über eine Situation
nachdenken, in der ich möglicherweise jemanden verletzt oder etwas falsch gemacht
haben könnte. Manchmal fühlt sich eine Schuld schon real an, obwohl noch gar nicht
geklärt ist, ob ich tatsächlich etwas falsch gemacht habe.
Das ist anstrengend. Und es kostet Energie.
Ich lerne, genauer hinzusehen. Was ist wirklich passiert? Was ist meine Verantwortung?
Was vermute ich nur? Und rechtfertigt eine konkrete Handlung tatsächlich ein Urteil
über mich als ganzen Menschen?
Ich muss nicht jede frühere Entscheidung gutheißen. Ich kann Fehler anerkennen und
Verantwortung übernehmen. Aber ich muss daraus nicht ableiten, dass mit mir
grundsätzlich etwas nicht stimmt.
Ich beginne, meine Vergangenheit anders zu betrachten. Nicht, um sie schönzureden,
sondern um sie zu verstehen.
Ich war der Mensch, der ich damals sein konnte. Heute kann ich manches anders sehen
und anders machen.
Das bedeutet nicht, dass alles gut war. Es bedeutet, dass ich nicht für den Rest meines
Lebens derselbe bleiben muss.
6. Nicht alles ist ein Kampf
Eine alltägliche Auseinandersetzung hat mir vor Kurzem gezeigt, wie sich diese
Erkenntnisse praktisch anwenden lassen.
Es ging um eine gemeinsame Angelegenheit, bei der unterschiedliche Vorstellungen
darüber bestanden, was getan werden sollte. Ich hatte sachliche Einwände. Ich habe sie
vorgebracht.
Danach hätte ich weiter darüber nachdenken können. Darüber, ob die anderen meine
Argumente verstehen. Ob sie mich für schwierig halten. Ob ich mich noch einmal
erklären sollte. Ob ich etwas hätte anders formulieren müssen.
Früher hätte mich so etwas vermutlich tagelang beschäftigt. Das Gedankenkarussell
wäre unaufhaltsam gelaufen: Hätte ich es anders formulieren sollen? Habe ich etwas
übersehen? Müsste ich mich noch einmal erklären? Wie sehen die anderen mich jetzt?
Bin ich am Ende doch derjenige, der falschliegt?
Ein Gedanke hätte zum nächsten geführt, bis es gar nicht mehr um die Sache gegangen
wäre, sondern nur noch um die quälende Frage, ob ich mich rechtfertigen muss und ob
die anderen mich für einen schlechten Menschen halten.
Diesmal habe ich irgendwann einen anderen Schluss gezogen: Ich habe meine
Einwände vorgebracht. Ich halte sie für sachlich vertretbar. Ob die anderen etwas
daraus machen, liegt nicht in meiner Macht.
Das Gedankenkarussell anzuhalten, kostet mich noch immer Energie. Es ist nicht so,
dass ich einfach einen Schalter umlege und alles ist erledigt.
Aber ich kann aussteigen.
Ich muss die Situation nicht lösen. Ich muss nicht alle überzeugen. Ich muss mich nicht
so lange rechtfertigen, bis niemand mehr etwas gegen mich haben kann.
Ich kann meine Entscheidung treffen, meinen Teil beitragen und die Sache stehen
lassen.
Und es ist gut so. Mir geht es damit gut.
Das ist für mich eine wichtige Veränderung. Nicht, weil ich plötzlich gelassen durch jede
Situation gehe. Sondern weil ich erkenne, dass ich nicht jeden Konflikt zu meiner
persönlichen Aufgabe machen muss.
7. Zwei Wege, die ineinandergreifen
Der Marathon und die Therapie sind zwei unterschiedliche Dinge. Trotzdem entdecke ich
Gemeinsamkeiten.
Beim Laufen muss ich akzeptieren, dass ich nicht sofort alles kann. Ich muss regelmäßig
trainieren, meine Grenzen beachten und Rückschläge einplanen.
In der Therapie ist es ähnlich. Ich kann nicht von heute auf morgen alle meine Muster
verändern. Manche Erkenntnisse brauchen Zeit. Manches muss ich mehrfach
durchdenken und im Alltag ausprobieren, bevor es sich wirklich verändert.
Und der Stoizismus hilft mir dabei, zwischen dem zu unterscheiden, was ich
beeinflussen kann, und dem, was nicht in meiner Hand liegt.
Diese Verbindung habe ich nicht von Anfang an geplant. Sie ist nach und nach
entstanden.
Vielleicht ist genau das interessant daran: Ich habe mit dem Laufen angefangen, weil ich
ein sportliches Ziel hatte. Während ich auf dieses Ziel hinarbeite, verändert sich auch
mein Blick auf andere Dinge.
Ich lerne, nicht jede Schwierigkeit als Beweis dafür zu nehmen, dass ich versagt habe.
Ich lerne, nicht jede Pause als Niederlage zu betrachten. Und ich lerne, dass ich nicht
alles kontrollieren kann, um trotzdem verantwortlich zu handeln.
Das gilt nicht nur beim Sport.
Auch im Alltag bemerke ich Veränderungen. In manchen Situationen kann ich
inzwischen lockerer sein. Ich kann scherzen, Fragen stellen und ein Lob annehmen,
ohne sofort nach einem Haken zu suchen.
Die Rüstung ist noch da. Aber ich merke zunehmend, dass ich sie nicht in jeder Situation
tragen muss.
Und manchmal kann ich etwas von dem, was ich lerne, an andere weitergeben.
8. Vielleicht steht der Marathon für mein Leben
Wenn ich über den Marathon nachdenke, sehe ich inzwischen mehr als eine Strecke von
42,195 Kilometern.
Ich sehe auch mein bisheriges Leben. Schwierige Zeiten, falsche Entscheidungen,
Dinge, die ich bereue, und Dinge, auf die ich stolz sein kann.
Ich möchte meine Vergangenheit nicht auslöschen. Ich möchte sie verstehen und
meinen Frieden mit ihr finden.
Früher hatte ich manchmal das Gefühl, es gäbe nichts mehr zu lachen. Heute entdecke
ich, dass ich die Dinge anders betrachten kann.
Ich muss nicht behaupten, dass alles gut war. Ich muss auch nicht so tun, als wäre
jedes Leid notwendig gewesen oder hätte einen höheren Sinn gehabt.
Aber ich kann erkennen, dass meine Erfahrungen dazu beigetragen haben, der Mensch
zu werden, der ich heute bin. Und ich kann beeinflussen, was ich daraus mache.
Ich kann aus meiner Vergangenheit Gründe ableiten, warum ich bestimmte Dinge
künftig anders angehen möchte.
Das ist etwas anderes, als mich für meine Vergangenheit zu verurteilen.
Ich sehe auf den Menschen zurück, der ich war. Ich kann verstehen, warum er so
gehandelt hat, ohne jede seiner Handlungen gutzuheißen.
Und ich sehe auf den Menschen, der ich heute bin und noch werden kann.
Es wird nicht alles perfekt werden. Aber es kann gut werden.
Vielleicht ist das auch eine Antwort auf die Frage, warum ich mir ausgerechnet einen
Marathon vorgenommen habe. Nicht, weil ich irgendjemandem etwas beweisen muss.
Sondern weil ich erleben möchte, was möglich wird, wenn ich dranbleibe, ohne mich
ständig selbst unter Druck zu setzen.
9. Tausende Menschen, tausende Wege
Wenn ich an den New-York-Marathon denke, stelle ich mir Tausende Menschen vor, die
auf derselben Strecke unterwegs sind.
Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, haben unterschiedliche Voraussetzungen
und tragen ihre eigenen Geschichten mit sich. Manche haben lange trainiert. Andere
mussten sich durch schwierige Zeiten kämpfen. Jeder hat seine Gründe, überhaupt an
der Startlinie zu stehen.
Die Wege, die sie dorthin geführt haben, sind verschieden. Und trotzdem teilen sie für
eine gewisse Zeit denselben Weg.
Sie feuern einander an, wechseln ein paar Worte, helfen sich vielleicht über einen
schwierigen Abschnitt. Manchmal entsteht daraus eine Freundschaft. Manchmal bleibt
es bei einem kurzen Lächeln.
Danach kehren alle in ihr eigenes Leben zurück.
Sie müssen nicht dieselben Erfahrungen gemacht haben. Sie müssen nicht dieselben
Erkenntnisse gewinnen. Und niemand muss die Geschichte des anderen vollständig
verstehen, damit ein gemeinsamer Moment entstehen kann.
Ich finde diesen Gedanken schön.
Vielleicht liest jemand irgendwann meine Geschichte und erkennt darin etwas wieder.
Vielleicht denkt er über einen Satz nach. Vielleicht beginnt er, eine eigene Frage zu
stellen, die er bisher vermieden hat.
Ich muss nicht wissen, wer dieser Mensch ist. Und ich muss nicht dafür sorgen, dass er
etwas Bestimmtes aus meinem Text mitnimmt.
Niemand kann für dich laufen. Aber ein Wort kann schon etwas beitragen.
Wir haben vieles durchgestanden, aber wir lachen immer noch. Nicht trotzdem.
Auch das gehört zum Leben. Schwierige Erfahrungen und Freude schließen einander
nicht aus. Man kann an sich arbeiten und trotzdem lachen. Man kann seine
Vergangenheit ernst nehmen, ohne sich von ihr für immer bestimmen zu lassen.
10. Für meine Menschen
Wenn ich eines Tages die Ziellinie überquere, möchte ich diesen Moment mit den
Menschen teilen, die mir besonders nahestehen.
Sie haben mich auch in Zeiten begleitet, in denen ich meine Rüstung nicht abgelegt
habe. Sie haben mich angenommen, obwohl ich selbst mit mir nicht immer gut
umgehen konnte.
Ich möchte ihnen zeigen, wie wichtig sie für mich sind.
Nicht, damit sie stolz auf eine sportliche Leistung sein müssen. Nicht, damit ich
Anerkennung für einen Marathon bekomme.
Sondern weil ich mich freue, diesen Moment mit ihnen zu erleben.
Vielleicht verbringen wir anschließend ein paar schöne Tage zusammen. Wir lachen,
genießen die gemeinsame Zeit und lassen das Erlebte auf uns wirken.
Das wäre für mich ein schöner Abschluss dieses Weges.
Wobei es eigentlich gar kein Abschluss ist.
11. Der Marathon ist das Ziel. Aber nicht das Ende.
Ich weiß heute noch nicht genau, wie sich der Weg bis zum Marathon entwickeln wird.
Es wird Trainingstage geben, an denen alles gut läuft. Es wird Tage geben, an denen ich
langsamer bin als geplant. Vielleicht werde ich pausieren müssen. Vielleicht muss ich
Ziele anpassen.
Ich werde versuchen, vernünftig zu trainieren und nicht jede Schwierigkeit mit Gewalt
überwinden zu wollen.
Wenn es beim Marathon schwierig wird, werde ich langsamer laufen oder gehen
müssen. Vielleicht werde ich zweifeln. Das gehört dazu.
Ich muss nicht der Schnellste sein. Die Zeit ist nicht entscheidend.
Ich möchte ankommen.
Und wenn es schwierig wird, werde ich versuchen, mich daran zu erinnern, dass ich
nicht alles auf einmal schaffen muss. Ich muss nur den nächsten sinnvollen Schritt
machen.
Ich werde kommen.
Was danach kommt, weiß ich noch nicht im Einzelnen. Aber ich möchte weiterlaufen.
Weiterlernen. Weiter an mir arbeiten, ohne mein ganzes Leben zu einem Projekt machen
zu müssen, das irgendwann endlich fertig sein soll.
Vielleicht geht es genau darum: nicht erst ein anderer Mensch werden zu müssen, bevor
man mit seinem Leben zufrieden sein darf.
Ich kann meinen Weg gehen, mich verändern und trotzdem der Mensch sein, der ich
heute bin.
Der Marathon ist ein Ziel. Aber nicht das Ende.
Still Going.