Ich arbeite mit der Maschine, die meinen Job zerstört
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Die Maschine malt, schreibt und komponiert, schneller als jeder Mensch. Als Grafikerin und Autorin spüre ich das zurzeit am eigenen Leib, und trotzdem baue ich meinen neuen Online-Shop mit Hilfe von KI. Aber: Den kreativen Schaffensprozess behalte ich in menschlicher Hand. Und ich finde, wir alle sollten ihn verteidigen. Kreative wie Publikum. Ein Aufruf zum Aufstand von einer, die im Kleinen schon probt, was vielleicht in Mode kommt.
Ich habe eine neue Mitarbeiterin, und sie ist eine künstliche Intelligenz. Sie recherchiert für mich, löst technische Probleme und baut mit mir den Onlineshop für FOXI LADY auf. FOXI LADY ist meine Künstler- und Handelsmarke: Dort verkaufe ich eigene Bilder und Drucke, dazu ausgewählte Produkte weiterer, ähnlich denkender Hersteller. Gleichzeitig pulverisiert die KI meinen Job, genau genommen sogar zwei. Was ich als Grafikerin und Autorin früher in Tagen oder Wochen erarbeitet habe, liefert sie heute in Sekunden.
Ich arbeite also mit dem Abrisskommando zusammen, das gerade meine Berufe einreißt. Das klingt sonderbar und funktioniert trotzdem. Gekränkter Berufsstolz wäre hier ohnehin ein schlechter Berater.
Eine Kernaufgabe behalte ich allerdings für mich: Die Kunst mache ich selbst.
Der Prozess gehört in menschliche Hand
Mit Kunst meine ich den ganzen Weg bis zum fertigen Werk, also den schöpferischen Prozess eines Menschen. Jede Entscheidung in einem Bild soll von mir stammen. Ich ziehe eine Linie, verwerfe sie, hadere mit einem Farbton und fange von vorn an. Oft entpuppt sich ein Umweg später als genau richtig, und manchmal hat das fertige Bild seinen eigenen Kopf. Dieses Herzstück meiner Arbeit behalte ich vollständig in meiner Hand.
Ich bin Grafikerin, Künstlerin und Kunsttherapeutin und schreibe außerdem . Meine Acrylmalereien waren unter anderem in Las Vegas ausgestellt. Mit den Jahren habe ich gelernt, wie viel Erfahrung, Beobachtung und Übung in so einem Prozess steckt. Zweifel gehören auch dazu, reichlich sogar. Zur Belohnung gibt es diese eigentümliche Freude, wenn es nach ewigem Probieren endlich passt. Warum sollte ich ausgerechnet die hergeben?
Bilder generieren lassen könnte ich natürlich auch. Der Knopf steht für mich genauso bereit wie für alle anderen. Ein generiertes Bild ist dann einfach da, fertig und ohne Vorgeschichte. Mit FOXI LADY baue ich ein Geschäft auf, in dessen Mitte meine eigene künstlerische Arbeit steht. Würde ich ausgerechnet diese Mitte auslagern, wäre das ein ziemlich merkwürdiger Neustart.
Bei allem anderen nehme ich Automaten-Hilfe gerne an, bei Recherche und Beratung, bei Automatisierungen und bei der Technik hinter dem Shop. Als Selbstständige wechsle ich ohnehin ständig die Rollen. An einem einzigen Tag gestalte ich, kalkuliere, schreibe Texte, telefoniere Lieferanten hinterher und spiele zwischendurch meine eigene IT-Abteilung.
Europa im Versandkarton
Beim Shop-Sortiment stoße ich auf eine verwandte Frage: Wessen Arbeit möchte ich neben meiner eigenen eigentlich verkaufen? Der Markt ist voll mit hübschen, billigen Dingen, die schnell im Warenkorb landen. Vieles davon kommt aus China, gerade auch bei Kunst, Deko und Papeterie. Diesen Preiskampf überlasse ich anderen. Mich interessiert, wer einen Gegenstand entworfen hat, wie er hergestellt wurde und ob man ihm das ansieht.
Deshalb ergänze ich meine eigenen Arbeiten mit Produkten aus Deutschland und Europa. Die Marke Tout Simplement fertigt handwerklich im französischen Besançon, Togethery druckt in Berlin. Meine Kunstdrucke entstehen in Deutschland auf Papier aus deutscher Herstellung. Sogar beim Verpackungsmaterial habe ich nachgeforscht. Es stammt nachweislich aus Polen.
Als Europasymbol macht ein Karton zwar wenig her. In meinem Geschäftsalltag ist er dafür sehr greifbar. Ich bestelle ihn, bezahle ihn und verschicke meine Produkte darin. So wird aus einer Haltung eine Handlung: Europa, gefaltet und mit Paketband verschlossen.
Bequem wäre es, europäisch einfach mit gut gleichzusetzen. Das wäre mir allerdings zu billig, um im Bild zu bleiben. Auch in China arbeiten Menschen mit Können und Sorgfalt, und über die einzelne Werkstatt sagt ein Herkunftsland wenig aus. Meine Entscheidung richtet sich gegen ein Geschäftsmodell, bei dem am Ende allein der niedrigste Preis zählt. Ich möchte nachvollziehen können, wie etwas entsteht, und mit Partnern arbeiten, deren Arbeit zu meiner passt. Mit jeder Bestellung trage ich ein kleines Stück dazu bei, dass gestalterisches und handwerkliches Können hier weiter gefragt ist.
Das hat seinen Preis, ganz wörtlich. Papier, Druck, Fertigung und Verpackung stehen irgendwann als Beträge in meiner Kalkulation – Idealismus funktioniert nämlich nicht gut als Zahlungsmittel. Am Ende müssen Menschen mein Angebot mögen und bereit sein, dafür zu bezahlen.
Zeit, aufzustehen
Beim kreativen Schaffen werde ich jedoch laut. Dass ich KI intensiv nutze und hier trotzdem eine harte Grenze ziehe, mag widersprüchlich wirken. Für mich passt das zusammen. Ein Werkzeug darf nützlich sein, doch die Werkstatt bleibt in Menschenhand.
Meine Grenze ist zunächst eine private Entscheidung, die Frage dahinter geht uns jedoch alle an. KI schiebt sich mit Wucht in die Kunst, die Musik und die Literatur, mitten hinein in das Menschlichste, das wir haben. Was dort entsteht, speist sich aus gefühltem Leben, aus Erinnerungen, Verletzungen und Begeisterung, alles gefiltert durch einen eigenen Blick auf die Welt. Und wir? Ehrlich: Wir klicken achtlos weiter und fragen selten, wer oder was da eigentlich zu uns spricht. Damit sollten wir aufhören, und zwar bald.
Wer kreativ arbeitet, muss seinen Schaffensprozess verteidigen, öffentlich und mit Nachdruck
Tun wir uns zusammen und verteidigen wir unsere Grenzen gemeinsam. Eine Einzelne wird schnell als Nostalgikerin abgestempelt, die sich gegen den Fortschritt stemmt. Ein ganzer Berufsstand, der weiß, was auf dem Spiel steht, findet Gehör.
Auch wer Bilder kauft, Musik hört oder Bücher liest, hat mehr Einfluss, als ihm vielleicht bewusst ist. Jeder Kauf ist eine kleine Abstimmung darüber, welche Arbeit künftig noch gebraucht wird. Deshalb mein Appell: Bleibt wachsam. Schaut genau hin, wenn euch ein Bild, ein Song oder ein Buch verdächtig glatt vorkommt, und fragt, wer es gemacht hat. Kauft gezielt bei Menschen. Und gönnt euch diese eine Minute Bedenkzeit, bevor ihr auf Kaufen klickt, nur damit es erledigt ist.
Selbstfürsorge ist gerade überall Thema. Wir tracken unseren Schlaf, achten auf unsere Ernährung und üben, Grenzen zu setzen. Diese Fürsorge ließe sich gut auf unser Handeln ausweiten, mit einer einfachen Frage: Was soll mir eine Maschine abnehmen, und was behalte ich lieber selbst? Auf meiner Liste steht die eigene Kreativität ganz oben. Gleich daneben steht die Begegnung mit dem, was andere Menschen erschaffen.
Mein Geschäftskonzept ist meine Antwort auf diese Frage. FOXI LADY ist eine Kampfansage im Kleinformat, mit eigener Kunst, mit Produkten aus menschlichen Werkstätten und einem Karton aus Polen. Es geht um Papier, Druckfarbe, Linien und Oberflächen und um die Menschen, die all das entwerfen und herstellen. Die KI arbeitet dabei im Hintergrund mit. Ob sich das Ganze wirtschaftlich trägt, wird sich zeigen. Den Versuch wage ich mit Dingen, hinter deren Entstehung ich stehen kann.
Beim Aufbau des Ladens darf mir die KI helfen. Die Kunst mache ich selbst.