Die Wollmaus oder zu viel ist nicht genug
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Alles fing mit dieser Wollmaus an. Rotzfrech guckte sie unter meinem weißen Wohnzimmerschrank hervor. Drohend und maßregelnd. Vorwurfsvoll wehte sie sanft im Wind der geöffneten Balkontür mit. Ich lag auf dem Sofa und beobachtete Sie. Völlig fertig und am Ende meiner Kräfte. Ich sah ihrem gemütlichen Treiben zu und wurde von woge zu woge wütender. Wütend auf mich selbst.
Da kam er wieder. Mein ach so bekannter innerer Dialog. „Ich habe nicht sauber gemacht. Die Wohnung sieht schlimm aus und ich auch. Statt irgendwas zu machen liege ich auf dem Sofa.“ usw. Ich war gerade dabei mich mal wieder richtig fertig zu machen als die Erkenntnis kam.
Man muss dazu wissen, dass ich am Abend zuvor einen Nervenzusammenbruch hatte. Alles war zu viel geworden. Seit 5 Jahren alleinerziehend, einen Job der zwar etwas Geld bringt aber den ich nicht leiden kann. Mein Chef der mich enlassen will, weil ich ihn darauf hingewiesen habe das es für mich unmöglich ist die Arbeit von zwei Leuten als eine Halbtagskraft zu bewältigen. Der Nebenjob der mich etwas mehr über Wasser hält aber eine zusätzliche Belastung darstellt. Die soziale Isolation, die als Begrüßungsgeschenk mit dem Status der Alleinerziehenden kommt. Der Schulstress meiner Tochter. Meine fehlende Präsens als Mutter. Die Finanzielle Not, Existenzängste… ja all das hat mir den Rest gegeben und ich war am Ende. Schon länger. Tatsächlich schon so lange, das ich nicht einmal mehr wusste wann der tiefe Fall seinen Anfang nahm. Jedoch kam ich, kurz bevor mich mein Körper in die Knie zwang noch auf die glorreiche Idee, ein Fernstudium anzufangen, um meine Situation zu verbessern, weil zu viel nicht genug ist.
Wenn ich heute darüber Nachdenke bin ich mehr als erstaunt welch autoaggressives Potential in mir steckt!
Da lag ich nun also, zitternd, völlig übermüdet und prügelte innerlich weiter auf mich ein.
Grimmig betrachtete ich die Wollmaus als Monument meines Versagens auf ganzer Linie.
Voll Groll auf mich selbst setzte ich mich auf. Ich war so wütend das ich den sofort einsetzenden Schwindel und die Übelkeit ignorierte. Im Sitzen könnte ich noch besser unter den Schrank sehen und Entdeckte die Kavallerie des Versagens. All die Staubflusen und Wollmäuse schienen sich über mich lustig zu machen! Mein Monolog der Unzulänglichkeiten wurde noch lauter und ich stand entschlossen auf.
Doch meine Knie gaben nach und fiel der Länge nach auf den Boden.
Handlungsunfähig betrachtete ich das ganze Ausmaß meiner Prokastination und der Gedanke der in mir aufkam war „Das ist meine Schuld!“
Da wurde es in mir Still. „Ich bin SCHULD!“ schrie es wieder und mit bedauern sagte ich laut „ICH bin Schuld.“
Manch einer wird jetzt die Hände über den Kopf zusammen schlagen und fragen was für eine grausige Erkenntnis das sein soll, doch es stimmt. Ich bin an meiner Situation Schuld.
Ich lag auf dem ungesaugten Boden und dachte nach. Über all die Kapitel der letzten Jahre. Immer wieder war ich an diesen Punkt gekommen, habe mich nur kurz ausgeruht und dann weiter gemacht. Immer wieder habe ich gesagt, die Arbeit richtet mich zu Grunde und habe mir einen neuen Job gesucht um nach 1 Jahr wieder an dem selben Punkt zu sein. Jeden Mann den ich kennen gelernt habe, habe ich nach kürzester Zeit wieder von mir gestoßen weil es mir zu viel war. Jedes gesellschaftliche Ereignis habe ich wochenlang analysiert um zu dem Schluss zu kommen, das mir der Gesellschaft etwas nicht stimmt oder mir mir. Jedes Schulproblem habe ich als persönlichen Angriff gesehen.
All das über Jahre hinweg, immer und immer wieder um mich jedes mal am Ende zu fragen, wieso ich? Wieso schon wieder? Warum stecke ich so fest?! Ich habe mich doch weiter entwickelt?!
Positives Denken, Manifestationen, Affirmationen, Achtsamkeit… all das habe ich praktiziert um mich zu Optimieren. Tragischer weise als Objekt nicht als Subjekt. So habe ich die wichtigste Sache völlig übersehen.
Ich habe NIE die Verantwortung für mich selbst übernommen. Immer wenn etwas schief ging war jemand oder etwas Schuld. Die Arbeit die zu viel war oder Freunde die keine Zeit hatten obwohl ich immer da war. Die Männer die die Dreistigkeit besaßen auch noch Bedürfnisse zu haben. Jeder war immer an meiner Situation schuld, nur ich nicht.
Nein, mich habe ich selbst zum größten Versager auserkoren doch schuldig war ich nicht?! Schließlich habe ich schlimme Sachen erlebt. Manche Geschichten würde ich lieber vergessen als sie Teil meines Lebens sein zu lassen. Um gewisse Dinge zu ertragen habe ich ein dissoziatives Verhältnis zu meinen Emotionen aufgebaut! Schuld sind doch die, die mir all das angetan haben!
Doch Resignation hat nichts mit Resilienz zu tun. Ich habe all das mit mir machen lassen und statt etwas zu ändern habe ich nur gejammert. Statt meine Einstellung zu überdenken und all die Mauern zu hinterfragen, habe ich mich immer weiter zurück gezogen und vernichtende Urteile über alle beteiligten gefällt. Da das menschliche Gehirn permanent die Bestätigung der inneren Realität im Außen sucht, fühlte ich mich mit all meinen Annahmen auch noch bestätigt. So habe ich mich immer tiefer in diesen Strudel aus Selbstzweifel und Versagens gezogen. Jedoch habe ich mich nie als Opfer betrachtet sondern als vollkommen unfähig.
Mir wurde auf diesem staubigen Boden, neben den Chipskrümeln und der Wollmaus klar, dass ich die Schuld dafür im Außen gesucht hatte. Doch in Wahrheit war ich es! Ich hatte dieses utopische Ideal von mir geschaffen, das niemals erreicht werden kann. Ich habe nur die Dinge im Außen verändert, jedoch nicht in mir! Das kann ja gar nicht funktionieren. Der Verstand erschafft seine Realität auf Grundlage der eigenen Überzeugungen. Denn diese Überzeugungen, Glaubenssätze, Mantras, Affirmationen oder wie auch immer man sie nennen möchte, richten den Fokus aus. Der Fokus den ich habe bestimmt meine Wahrnehmung! Oder etwas poetischer: mein Innerstes tritt nach Außen wie ein Spiegelungen eines Sees. Und eben diese Spiegelung macht es sichtbar aber nicht eindeutig sondern verzerrt es, im Einklang der Strömungen und Wellen die das Leben mit sich bringt. Doch ich habe nicht die Spiegelung betrachtet sondern das Ufer abgesucht, um zu sehen was die Spiegelung verursacht. Ich habe die Augen fest vor der Wahrheit verschlossen. Ich wollte nicht sehen was ich mir selbst antue. Ich habe keine Verantwortung für mich selbst übernommen obwohl ich es doch ständig allen Leuten predige.
Die Erkenntnis „ICH bin Schuld!“ mag sehr hart klingen, doch wenn man sie völlig neutral betrachtet ist es nichts anderes als eine Tatsache.
Das gute daran ist wenn ICH schuld bin, dann kann ICH es auch ändern! Ich bin nicht fremdgesteuert aber verhalte mich so. Also wird es an der Zeit das ICH meine Schuld anerkenne und dafür die Verantwortung übernehme. Ich bin diejenige die alles ändern kann, denn jede Veränderung beginnt in mir.
Nicht die Gesellschaft oder die Arbeit. Nein ICH. Wenn ICH Schuld bin, liegt darin der Schlüssel, denn in meinen Augen ist Schuld nichts anderes als nicht wahrgenommen Verantwortung in einem hässlichen Kleid.
Und da, mit einem mal verflog meine Wut auf die Wollmaus und Ihre Kumpanen. Der staubige Wohnzimmerboden wurde zum Monument der Handlungsmacht.
Ich würde jetzt gerne sagen dass sich alles für mich zum guten gewendet hat, aber so etwas braucht Zeit. Ich habe 38 Jahre so gelebt und mir all diese destruktiven Muster und Mauern zu eigen gemacht. Jeder der mal eine Wand abgerissen hat weiß das dass Tempo von der Entschlossenheit des Erbauers bestimmt wird. Manche Steine lösen sich mit einem gezielten Tritt, bei anderen bedarf es mehr Hingabe, doch nur so geht es. Stein für Stein, Stück für Stück und manchmal braucht es eine Wollmaus...