Die Welt rückt auseinander. Die Crew rückt zusammen.
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Am 8. September 1966 startete die Enterprise zum ersten Mal über amerikanische Fernsehbildschirme. Sechzig Jahre später sitze ich auf dem Sofa, habe gerade eine gruselige Mysteryserie hinter mir, die mich ordentlich durchgeschüttelt hat, und wechsle zu Voyager. Eine Serie aus den Neunzigern über das 24. Jahrhundert. Ich reise also in die Vergangenheit, um mir die Zukunft anzusehen, und finde dort meine Ruhe.
Dabei ist diese Zukunft lebensgefährlich. Ein Schiff hängt am anderen Ende der Galaxis fest, und hinter jedem Nebel wartet eine Spezies, die es entern, assimilieren oder ausschlachten will. Trotzdem ziehe ich mir diese Folgen über wie eine Wolldecke. Warum vermittelt mir ausgerechnet diese gefährliche Zukunft Geborgenheit?
Die Welt rückt auseinander
Vielleicht liegt die Antwort in der Gegenwart. Seit einiger Zeit trage ich einen diffusen Eindruck mit mir herum, den ich schlecht beweisen und noch schlechter abschütteln kann: Die Welt rückt auseinander. Und dieser Eindruck wächst mit jedem Blick darauf, wie Menschen rund um den Globus miteinander umgehen. Er bekommt Futter durch ein paar sehr konkrete Zahlen. Anfang September holte die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent. In den bundesweiten Umfragen pendelt sie zwischen 26 und 30 Prozent, INSA sah sie Anfang Oktober sogar bei 30,5. Zwei Wochen nach Magdeburg wurde in Berlin die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft, mehr als doppelt so stark wie 2023. CDU und SPD verloren hier wie dort.
Da wachsen zwei entgegengesetzte Pole gleichzeitig, und beide ziehen kräftig. Wer die Hoffnung in die Mitte aufgegeben hat, sucht sich eine Seite, und die Seiten driften auseinander. Für mich sieht das aus wie der Beginn eines Klassenkampfs. Soziologen mögen den vielleicht Begriff enger fassen. Mein Bauch hält sich jedoch an eine einfache Definition: Man steht sich gegenüber, und jede Seite rechnet damit, dass am Ende nur eine gewinnt.
Der USA-Experte Josef Braml liefert meinem Bauchgefühl die Argumente. In einem Beitrag für FOCUS online vom 6. Oktober beschreibt er Donald Trump als Symptom. Die amerikanische Krise habe lange vor ihm begonnen und werde mit ihm auch kein Ende finden. Trump sei Ausdruck einer Entwicklung, die sich über Jahrzehnte aufgebaut habe und inzwischen den gesamten Westen erfasse.
Die größte Gefahr sieht Braml im Inneren. Seit Jahrzehnten wachse die soziale Ungleichheit, die Aufstiegschancen vieler Menschen verschlechterten sich, das Vertrauen in Institutionen, Medien, Unternehmen und Universitäten sinke. Politische Gegner gelten als Feinde, Kompromissfähigkeit als Schwäche, die politische Mitte schrumpft. Wohlstand allein, schreibt er, halte eine Gesellschaft auf Dauer nicht zusammen. Stabilität entstehe durch Vertrauen, gemeinsame Regeln und die Überzeugung, dass das System grundsätzlich fair ist. Genau dieses Vertrauen gehe verloren.
Deutlich wird Braml bei den Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien. Viele von ihnen hielten die westliche Ordnung noch immer für alternativlos und deuteten gesellschaftliche Spannungen als vorübergehende Störung. Für ihn sind Polarisierung, Misstrauen und Kulturkämpfe Ausdruck einer tieferen Entfremdung zwischen Gruppen, die sich immer weniger als Teil eines gemeinsamen Projekts verstehen. „Großmächte scheitern selten an äußeren Gegnern“, schreibt er. Sie scheitern häufiger daran, dass ihre gesellschaftlichen Fundamente erodieren. Die Zukunft des Westens entscheide sich deshalb in der Fähigkeit, Vertrauen wiederherzustellen, Spaltungen zu überwinden und den Bürgern das Gefühl zurückzugeben, „Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein“. Dort verlaufe heute „die wichtigste geopolitische Frontlinie“.
Fort Knox im Museum
Genau diese gemeinsame Zukunft liefert mir Star Trek frei Haus. Gene Roddenberry hatte für seine Autoren eine eiserne Regel: Die Föderation hat das Geld abgeschafft. Wer arbeitet, tut es aus anderen Gründen als für ein dickes Konto. Captain Picard erklärt es im Kinofilm First Contact einer staunenden Frau aus dem 21. Jahrhundert: Im 24. Jahrhundert ist das Geld verschwunden, man arbeitet, um sich selbst und die Menschheit zu verbessern. In Voyager legt Tom Paris noch eine Pointe drauf. Fort Knox, einst der größte Goldschatz der Erde, ist dort ein Museum. Ich stelle mir Schulklassen vor, die vor Goldbarren stehen wie vor Dinosaurierknochen. Sehr beruhigend.
Natürlich schummelt die Serie. Auf Deep Space Nine wird mit goldgepresstem Latinum gezockt, Kirk redet vom Wochenlohn, und wer im Jahr 2370 die Klos putzt, bleibt ein Rätsel der Galaxis. Ist mir egal. Ich glorifiziere diese Zukunft mit Vergnügen. Sie ist Fantasie, und Fantasie darf großzügig sein.
Zwei Lager, ein Schiff
Voyager stellt diese Utopie zusätzlich auf eine harte Probe. In der ersten Folge wird das Schiff 70.000 Lichtjahre weit in den Delta-Quadranten geschleudert. An Bord: eine Sternenflotten-Crew und die Rebellen des Maquis, die sie eben noch gejagt hat. Zwei verfeindete Lager, ein Schiff, siebzig Jahre Heimweg. Captain Janeway macht den Rebellenführer Chakotay zu ihrem Ersten Offizier. Eine Koalitionsverhandlung in fünf Minuten. Berlin bräuchte dafür Monate.
Und dann passiert in der Utopie etwas Überraschendes: Der Überfluss geht aus. Fern von jeder Raumbasis muss Janeway Energie sparen und führt Replikator-Rationen ein. Die Frau, die dieses Schiff durch feindliche Weiten steuert, verzichtet auf ihren Kaffee, um der Crew ein Vorbild zu sein. Kurz darauf eröffnet Tom Paris ein Wettbüro, in dem um Rationen gespielt wird. Der Kapitalismus findet eben immer eine Ritze.
Das ist die Stelle, an der mich die Serie kriegt. Eine Utopie mit vollen Lagern ist leicht zu haben. Voyager fragt, was von ihr übrig bleibt, wenn es eng wird. Die Antwort der Serie ist unspektakulär: Man teilt. Man streitet, man misstraut sich, man teilt trotzdem. Die Maquis-Leute bleiben Rebellen in Uniform, und B'Elanna Torres bleibt kratzbürstig bis zur letzten Staffel. Aber sie arbeiten am selben Antrieb.
Damit habe ich eine Antwort auf meine Frage vom Anfang. Mich trägt Roddenberrys Grundidee: eine bessere, schönere Welt, die Geld und Armut hinter sich gelassen hat. Voyager zeigt dazu, wie diese Welt eine Krise übersteht. Die Gefahr kommt dort von außen. Borg, Kazon, Vidiianer, die einem die Organe klauen: alles furchtbar, alles klar zu erkennen. Drinnen, auf dem Schiff, gilt eine Abmachung, die irgendwann alle mittragen. Wir wollen nach Hause, und zwar alle. Das ist Bramls gemeinsames Projekt in Reinform, mit Warpantrieb. Meine Gegenwart hat die Bedrohung mit an den Tisch geholt, und wer zur Crew gehört, wird jeden Tag neu verhandelt.
Heimweh nach der Zukunft
Ich weiß, wie seltsam das klingen mag. Eine erwachsene Frau tröstet sich mit einer Fernsehserie, in der ein Hologramm Arzt ist und ein Talaxianer in der Kombüse Eintöpfe aus Weltraumgemüse kocht. Vielleicht ist die Naivität aber genau der Punkt. Die Gegenwart liefert mir täglich Diagnosen, Hochrechnungen und Warnungen. Ein Bild davon, wie es gut ausgehen könnte, liefert sie selten. Star Trek hat dieses Bild seit sechzig Jahren im Programm, und es leuchtet noch.
Wir leben im Alpha-Quadranten, ganz ohne Warpantrieb. Trotzdem passt die Frage, die Voyager sieben Staffeln lang stellt, genau auf diesen Herbst: Was hält eine Crew zusammen, die sich nicht ausgesucht hat? Die Serie antwortet mit einem Ziel, das größer ist als jedes Lager. Unsere Gegenwart sucht dieses Ziel noch.
In einer der ersten Folgen will Janeway in einen Nebel fliegen, weil sich dort Energie gewinnen ließe. Ihrem Ersten Offizier, dem Ex-Rebellen, erklärt sie den Plan in einem Satz: Da drin ist Kaffee. Eine ganze Crew folgt ihr ins Ungewisse, für eine Tasse Kaffee und ein paar Rationen mehr für alle. Für eine Gesellschaft ist das ein ziemlich guter Anfang.
Mehr Star Trek von mir gibt es im Sucy Pretsch Magazin auf sucypretsch.de. Zum Jubiläum habe ich dort in „60 Jahre Star Trek: Warum uns die Enterprise noch immer Hoffnung macht“ meine persönlichen Erinnerungen aufgeschrieben: wie ich über Picard zu Star Trek kam, warum Janeway mein Lieblingscaptain ist und wie ich 2014 als Vulkanierin auf der Destination Star Trek in Frankfurt unterwegs war. Außerdem schreibe ich dort über True Crime, Filme, Serien und Promis.