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Die Kernschmelze bleibt aus

Datum
1. November 2026
titel ueberschrift h11

Ich muss niemanden mehr überzeugen

Über kleine Fortschritte, alte Gewohnheiten und den Versuch, menschlich mit sich selbst umzugehen.

In den letzten Wochen habe ich viel über mich selbst gelernt. Ich habe erkannt, dass ich meinen Wert als Mensch nicht ständig beweisen muss. Dass ich nicht immer alles richtig machen muss. Und dass ich mich nicht für jede Entscheidung rechtfertigen muss. Aber bin ich jetzt immer ruhig und gelassen? Nein. So einfach ist es nicht. Die alten Gewohnheiten sind noch da. Manchmal kommen sie ganz plötzlich zurück. Der Unterschied ist, dass ich sie inzwischen öfter bemerke. Und manchmal gelingt es mir sogar, anders damit umzugehen.

Die Sache mit der Umleitung

Ich war an diesem Tag ungefähr 500 Kilometer mit dem Auto unterwegs. Nur noch die letzten 20 Kilometer bis nach Hause. Dann stand ich vor einer Umleitung. Sie bedeutete einen Umweg von ungefähr 45 Minuten. Ich wusste eigentlich von dieser Baustelle. Ich hatte sie auf der Hinfahrt gesehen. Auf der Rückfahrt hatte ich sie aber schlicht vergessen. Natürlich war ich verärgert. 45 Minuten zusätzlich, kurz vor dem Ziel. Ich versuchte, mich nicht weiter darüber aufzuregen. Das gelang nicht sofort, aber irgendwann ließ der Ärger nach. Was mir dabei auffiel: Früher hätte ich mich wahrscheinlich zusätzlich selbst fertiggemacht. „Wie konnte ich das vergessen? Ich Idiot!“ Diesmal nicht. Ich hatte einen Fehler gemacht. Das war ärgerlich und kostete mich Zeit. Aber es war eben nur ein Fehler. Kein Grund, mich selbst infrage zu stellen. Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit. Für mich ist es das nicht.

Wenn die alte Rüstung zurückkommt

Ein anderes Mal war ich in einem Geschäft. Es war laut und unruhig. Interessanterweise störte mich nicht einmal der Lärm selbst am meisten. Mich störte, dass ich nicht so gelassen sein konnte, wie ich es gerne gewesen wäre. Ich versuchte, tief durchzuatmen und mich zu entspannen. Es funktionierte nicht. Ich bemerkte, dass ich wieder meine Umgebung abscannte. Ich war aufmerksam, beobachtete alles und nahm Geräusche anders wahr. Meine alte Rüstung war wieder da. Früher hätte ich wahrscheinlich noch mehr Energie darauf verwendet, diesen Zustand loszuwerden. Diesmal erkannte ich irgendwann, dass ich so keine Ruhe finden würde. Also akzeptierte ich, dass ich in diesem Moment eben nicht entspannt war. Ich war nicht gelassen. Aber ich musste mich auch nicht dafür verurteilen. Die Rüstung war da. Ich hatte sie bemerkt. Das musste für diesen Moment reichen.

Die Reklamation und die Kernschmelze

Dann gab es eine Situation, die mich besonders stolz macht. Ich bekam eine Reklamation. Ein Fehler wurde mir angelastet. Für mich war das zunächst der absolute Supergau. Ich spürte förmlich die Kernschmelze in mir. Nasse Hände. Ein ekelhaftes Gefühl in Bauch und Brust. Die ganze innere Anspannung war sofort da. Ich tat zunächst einmal nichts. Ich wartete ab und beobachtete, was in mir passierte. Das Gefühl war hartnäckig. Es verschwand nicht einfach. Es war wirklich unangenehm. Aber ich ließ es da sein. Irgendwann widmete ich mich der Reklamation. Und dabei stellte sich heraus, dass der Fehler gar nicht von mir stammte. Ich klärte die Sache sachlich und ruhig ab. Ohne Vorwürfe, ohne Rechtfertigungsversuche und sehr freundlich. Als ich damit fertig war, war ich unglaublich stolz auf mich. Nicht nur, weil ich nicht verantwortlich war. Sondern weil ich vorher nicht in mein altes Muster gefallen war. Ich hatte die unangenehmen Gefühle ausgehalten, ohne mich von ihnen steuern zu lassen. Ich musste mich nicht sofort verteidigen. Ich musste niemanden angreifen. Ich konnte einfach erst einmal schauen, was tatsächlich passiert war. Das war für mich ein großer Moment.

Wenn ich einen Menschen nicht mehr als Bedrohung sehe

Auch im Umgang mit anderen Menschen bemerke ich Veränderungen. Mein Chef steht gerne im Mittelpunkt. Er braucht Aufmerksamkeit, egal ob im positiven oder negativen Sinn. Früher hat mich sein Verhalten ziemlich beschäftigt. Ich war vorsichtig und ständig darauf bedacht, nicht in irgendeine unangenehme Situation zu geraten. Irgendwann habe ich seine Verhaltensmuster besser erkannt. Und plötzlich war er für mich nicht mehr diese Bedrohung. Ich konnte mit ihm plaudern, scherzen und auch einmal mit seinen Eigenheiten spielen. Ohne mich ständig schützen zu müssen. Einmal nahm er mich mit in den Ausbildungsraum. Daraus entwickelte sich ein unerwartet gutes Gespräch, aus dem ich sogar einiges mitnehmen konnte. Ich war offen, gut gelaunt und hatte ihn nicht schon vorher in eine Schublade gesteckt. Das bedeutet nicht, dass ich sein Verhalten plötzlich gut finde. Ich muss ihn auch nicht verändern. Aber ich kann selbst entscheiden, wie ich mit ihm umgehe. Das fühlt sich ziemlich befreiend an.

Ein ganz normaler Moment

Nach einem Lauf hielt mich einmal ein Mann an und fragte, ob ich von hier sei. „Ja klar!“, antwortete ich ganz selbstverständlich. Wir kamen ins Gespräch und ich erklärte ihm den Weg. Erst später, im Auto, wurde mir bewusst, was gerade passiert war. Früher hätte ich wahrscheinlich sofort ergänzt, dass ich zwar schon seit 20 Jahren hier wohne, aber eigentlich woanders geboren bin. Einfach, um nichts Falsches stehen zu lassen und mich abzusichern. Diesmal hatte ich einfach geantwortet. Ohne Erklärung, ohne Absicherung. Ich erzählte meiner Frau davon. Ich freute mich über diesen kleinen Moment. Für andere Menschen wäre das vermutlich völlig unspektakulär. Für mich war es ein Zeichen dafür, dass sich etwas verändert.

Ich muss nicht perfekt sein

Lange Zeit wollte ich alles richtig machen. Niemanden enttäuschen. Immer fair sein und auf andere Rücksicht nehmen. Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Aber ich hatte mich selbst dabei oft vergessen. Ich versuchte, mögliche Kritik oder Enttäuschung schon im Voraus zu verhindern. Manchmal beschäftigte ich mich mit Dingen, die noch gar nicht passiert waren. Ich wollte es allen recht machen und mich gleichzeitig gegen jeden möglichen Vorwurf absichern. Heute versuche ich, die Dinge so zu sehen, wie sie tatsächlich sind. Ich muss nicht jeden überzeugen. Ich muss nicht jede Entscheidung erklären. Und ich kann nicht verhindern, dass jemand mit meiner Entscheidung unzufrieden ist. Rücksicht auf andere zu nehmen ist mir weiterhin wichtig. Aber ich gehöre zu den Menschen, auf die ich ebenfalls Rücksicht nehmen muss.

Der Weg geht weiter

Natürlich bin ich nicht plötzlich ein anderer Mensch. Ich ärgere mich noch immer. Ich bin manchmal unruhig. Und meine alte Rüstung ist auch nicht verschwunden. Sie liegt weiterhin griffbereit. Aber ich bemerke sie öfter. Ich kann einen Fehler machen, ohne mich selbst gleich infrage zu stellen. Ich kann unangenehme Gefühle aushalten, ohne sofort handeln zu müssen. Und ich kann eine Situation klären, ohne mich verteidigen oder andere angreifen zu müssen. Vielleicht ist das der eigentliche Fortschritt: Ich muss nicht mehr alles verhindern, kontrollieren oder richtigstellen. Es sind keine großen Siege. Manchmal sind es nur kleine Momente, in denen ich anders reagiere als früher. Aber diese Momente verändern etwas. Ich muss niemanden mehr überzeugen.

Auch mich selbst nicht.

Still Going.

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StillGoing-42195@tutamail.com
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