FIFA und Gianni Infantino: Was passiert gerade mit dem Weltfußball?

Datum
25. August 2026
fifa und infantino

Wenn man über die FIFA spricht, dauert es normalerweise nicht lange, bis Begriffe wie Korruption, Millionenbeträge, dubiose Deals oder politische Einflussnahme fallen.

Seit 2016 steht Gianni Infantino an der Spitze des Weltfußballverbandes. Er sollte nach dem großen FIFA-Skandal rund um Sepp Blatter für einen Neuanfang stehen.

Fast zehn Jahre später ist die Bilanz komplizierter.

Infantino hat die FIFA wirtschaftlich enorm weiterentwickelt und den internationalen Fußball deutlich ausgeweitet. Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen seinen Führungsstil. Und inzwischen kommt die Kritik nicht mehr nur von Journalisten oder einzelnen Funktionären: UEFA, AFC und CONCACAF haben sich gegen wichtige Pläne Infantinos gestellt. Sechs nordische Fußballverbände erklärten am 23. August 2026 sogar, sie hätten das Vertrauen in den FIFA-Präsidenten verloren und forderten Reformen.

Doch bei all dem Machtkampf wird eine Frage gerne vergessen:

Was bedeuten diese Entwicklungen eigentlich für den Fußball selbst – und für die Menschen, die Woche für Woche auf kleinen Sportplätzen spielen?


Von Blatter zu Infantino

2015 erschütterte einer der größten Korruptionsskandale der Sportgeschichte die FIFA. US-Behörden erhoben Anklage gegen zahlreiche Funktionäre und Sportvermarkter. Die Vorwürfe reichten von Bestechung bis Geldwäsche.

Sepp Blatter trat zurück, und im Februar 2016 wurde Gianni Infantino zum neuen FIFA-Präsidenten gewählt.

Infantino war dabei nicht einfach ein Teil der alten Blatter-Struktur. Trotzdem musste er sich von Beginn an mit deren Erbe auseinandersetzen.

Auch gegen ihn selbst gab es später Untersuchungen. Unter anderem wurden seine Nutzung privater Flugzeuge sowie Treffen mit dem damaligen Schweizer Generalstaatsanwalt Michael Lauber untersucht. Die FIFA-Ethikkommission stellte in diesen Verfahren keinen entsprechenden Ethikverstoß fest.

Infantinos Fußball: größer, globaler, lukrativer

Seine Strategie ist trotzdem ziemlich eindeutig.

Mehr Mannschaften, mehr Spiele, mehr Zuschauer und vor allem mehr Einnahmen.

Die Weltmeisterschaft wurde von 32 auf 48 Mannschaften erweitert. Die WM 2026 mit 104 Spielen war der bisher größte Ausdruck dieser Entwicklung.

Infantino argumentiert dabei gerne mit der globalen Dimension des Fußballs. Die FIFA hat 211 Mitgliedsverbände. Ein kleiner Verband soll grundsätzlich genauso eine Stimme haben wie Deutschland, Brasilien oder England.

Und genau diese Strategie bringt Infantino weiterhin Unterstützung – vor allem in Ländern, in denen zusätzliche FIFA-Gelder einen erheblichen Unterschied machen.

Und was hat die Basis davon?

Hier wird die Sache interessant. Denn die FIFA ist keineswegs nur eine riesige Geldmaschine.

Über das Programm FIFA Forward fließen erhebliche Mittel in die Entwicklung des Fußballs. FIFA gibt an, allein in den ersten beiden Förderzyklen rund 2,8 Milliarden US-Dollar für die 211 Mitgliedsverbände sowie Konföderationen und regionale Verbände bereitgestellt zu haben. Das Geld kann unter anderem in Infrastruktur, Ausbildung, Wettbewerbe, Frauenfußball und die Entwicklung des Nachwuchses fließen.

Das kann an der Basis sehr konkrete Auswirkungen haben.

Ein neuer Kunstrasenplatz.

Bessere Trainingsmöglichkeiten.

Ausgebildete Trainer.

Jugendturniere.

Programme für Mädchen und Frauen.

Oder überhaupt erst die Möglichkeit, dass Kinder in Ländern mit schwacher Fußball-Infrastruktur regelmäßig Fußball spielen können.

Für einen Amateurverein in Deutschland ist das natürlich weit weniger unmittelbar spürbar als für einen Verein oder Verband in einem Entwicklungsland. Global betrachtet ist der Effekt aber erheblich. FIFA-Geld kann dort ankommen, wo kommerzielles Geld niemals hinfließen würde.

Mehr Geld ist trotzdem nicht automatisch besser

Genau hier beginnt die andere Seite der Geschichte.

Denn Infantino will die FIFA nicht kleiner machen. Er will sie größer und wirtschaftlich stärker machen.

Der im Juli 2026 vorgestellte Plan für die FIFA Forward Enterprise ging dabei besonders weit. FIFA wollte eine neue kommerzielle Gesellschaft schaffen und bis zu 20 Prozent daran an externe Investoren verkaufen. Die geplante Struktur wurde mit rund 20 Milliarden US-Dollar bewertet.

Der Plan wurde nach massivem Widerstand Anfang August aufgegeben.

UEFA, AFC und CONCACAF kritisierten insbesondere die fehlende Transparenz und die geplante Beteiligung privater Investoren an einem so zentralen Bereich des Weltfußballs. Die drei Verbände forderten eine unabhängige Untersuchung.

Für den Fußball an der Basis ist das ein zweischneidiges Schwert.

Mehr Geld kann mehr Fußball ermöglichen.

Aber wenn immer größere Teile des Fußballs nach wirtschaftlichen Kriterien organisiert werden, stellt sich irgendwann die Frage, ob der Sport noch der Ausgangspunkt ist – oder nur noch das Produkt.

Die Rechnung bezahlen am Ende die Spieler?

Die zunehmende Zahl internationaler Wettbewerbe hat noch eine andere Konsequenz: mehr Spiele. Für Topspieler bedeutet das eine enorme Belastung. Aber auch darunter verändert sich der Fußball.

Mehr Turniere bedeuten mehr Einnahmen für Verbände und Veranstalter. Gleichzeitig wird der internationale Spielkalender immer voller.

Die FIFA hat mit der Erweiterung der Weltmeisterschaft genau diesen Weg eingeschlagen.

Das kann sportlich reizvoll sein. Mehr Länder erhalten die Chance, an einer WM teilzunehmen.

Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem die Frage erlaubt sein muss: Wie viele Spiele verträgt ein Spieler eigentlich noch?

Und vor allem: Wie viel zusätzliche Belastung wird geschaffen, damit der Fußball noch mehr Einnahmen generiert?

Der Streit um die Macht wird konkreter

Der Konflikt zwischen Infantino und mehreren Kontinentalverbänden zeigt deshalb ein grundlegenderes Problem.

Es geht nicht mehr nur um eine einzelne Gesellschaft oder einen gescheiterten Geschäftsplan.

Es geht um die Frage, wer über die Zukunft des internationalen Fußballs entscheidet.

UEFA, AFC und CONCACAF haben inzwischen offen gegen Infantinos Vorgehen Stellung bezogen. Die sechs nordischen Verbände fordern eine unabhängige Überprüfung der FIFA-Führung und erklärten, sie hätten das Vertrauen in Infantino verloren.

Parallel wird sogar über eine engere Zusammenarbeit zwischen UEFA und CONCACAF gesprochen. Im Raum steht eine gemeinsame Nations League, die rund 96 Nationalverbände umfassen könnte. Das wäre kein Austritt aus der FIFA, würde aber zeigen, dass die Kontinentalverbände zunehmend eigene Wege gehen können.

Noch ist daraus keine Abspaltung entstanden.

Aber die Entwicklung ist bemerkenswert.

Auch die WM 2026 sorgte für Diskussionen

Bei der Weltmeisterschaft selbst gab es ebenfalls einige Vorgänge, die Fragen aufwarfen.

Besonders kontrovers war die ausgesetzte Sperre des US-Spielers Folarin Balogun. Nachdem er im Spiel gegen Bosnien und Herzegowina des Feldes verwiesen worden war, wurde die Sperre kurzfristig ausgesetzt. Balogun konnte dadurch im Achtelfinale spielen.

US-Präsident Donald Trump hatte zuvor öffentlich erklärt, er habe Infantino kontaktiert. Infantino bestätigte den Kontakt, bestritt aber, in die sportrechtliche Entscheidung eingegriffen zu haben.

Das sollte man nicht überinterpretieren.

Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass Infantino persönlich die Sperre aufgehoben hat.

Der Vorgang zeigt aber, wie eng FIFA, Politik und große internationale Sportereignisse inzwischen miteinander verbunden sind.

Auch die Verleihung des neu geschaffenen FIFA-Friedenspreises an Donald Trump wurde kontrovers diskutiert.

Was macht das mit dem Fußball?

Unterm Strich gibt es drei unterschiedliche Ebenen.

Für den internationalen Fußball: eher Vorteile

Mehr Geld, größere Turniere und zusätzliche Förderprogramme können den Fußball weltweit verbreiten.

Gerade in Ländern mit schwacher Infrastruktur kann FIFA-Förderung einen echten Unterschied machen. FIFA plant für den kommenden Förderzyklus sogar eine weitere deutliche Erhöhung der Mittel für die Mitgliedsverbände.

Für den Profifußball: Licht und Schatten

Mehr Zuschauer, mehr Einnahmen und größere internationale Wettbewerbe sind wirtschaftlich attraktiv.

Gleichzeitig steigen Spielbelastung, Reiseaufwand und Kommerzialisierung.

Der Fußball wird zum immer größeren globalen Entertainment-Geschäft.

Für die lokale Basis: sehr unterschiedliche Auswirkungen

Hier dürfte die Antwort am stärksten vom jeweiligen Land abhängen.

In einem gut ausgestatteten deutschen Amateurverein wird die FIFA kaum den Alltag bestimmen. In einem Fußballverband mit wenig Geld können FIFA-Programme dagegen entscheidend sein.

Das bedeutet: Die FIFA kann an der Basis durchaus sehr viel Gutes bewirken – aber das Geld allein garantiert noch keinen guten, transparenten oder nachhaltigen Fußball. Entscheidend ist, wie es verteilt und kontrolliert wird.

Und was passiert mit Gianni Infantino?

Infantino will 2027 erneut für das FIFA-Präsidentenamt kandidieren. Die Auseinandersetzung dürfte damit spätestens im kommenden Jahr ihren Höhepunkt erreichen.

Seine Position ist gleichzeitig stark und angeschlagen.

Stark, weil er weiterhin Unterstützer hat und auf seine wirtschaftliche Bilanz sowie die Entwicklung des globalen Fußballs verweisen kann.

Angeschlagen, weil inzwischen mehrere wichtige Fußballverbände offen gegen seine Führung auftreten. UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat selbst eine Kandidatur ausgeschlossen, hält einen Gegenkandidaten gegen Infantino aber für möglich.

Damit sind mehrere Szenarien denkbar.

Infantino könnte die Krise überstehen und 2027 erneut gewählt werden.

Es könnte sich ein ernsthafter Gegenkandidat formieren.

Oder der Druck führt zu Reformen, die künftig die Macht des FIFA-Präsidenten stärker begrenzen.

Die eigentliche Frage lautet nicht: Infantino – ja oder nein?

Vielleicht ist die Person Gianni Infantino am Ende sogar weniger wichtig als die Frage, welche FIFA wir eigentlich wollen.

Eine FIFA, die möglichst viel Geld erwirtschaftet und dieses Geld anschließend weltweit verteilt?

Eine FIFA, die stärker auf die großen europäischen Fußballnationen hört?

Oder eine FIFA, die zwar wirtschaftlich erfolgreich ist, aber deutlich transparenter arbeitet und ihre eigene Macht stärker kontrollieren lässt?

Für die Fußballfans auf der Tribüne und die Kinder auf dem kleinen Sportplatz ist das zunächst weit weg.

Aber langfristig entscheidet genau diese Frage darüber, wo das Geld landet, wie viele Spiele stattfinden, welche Länder gefördert werden und welche Interessen im Weltfußball den Ton angeben.

Und damit ist der aktuelle Machtkampf bei der FIFA eben doch mehr als ein Streit unter Funktionären.

Es geht um die Zukunft des Fußballs.

Quellen und weiterführende Informationen


Als abschließenden Gedanken möchte ich trotzdem noch die Frage stellen, wie wichtig Fußball eigentlich ist. Man könnte meinen, dass unsere Überbewertung des Fußballs in den letzten Dekaden erst dazu geführt hat, dass der Sport jetzt überkommerzialisiert und viel zu mächtig in Bezug auf Politik, Medien und Kultur geworden ist. Vielleicht würde ein Schritt zurück das bringen, was dem Sport heutzutage oft zu fehlen scheint: Spaß am Spiel.

Bin gespannt, ob es Meinungen dazu gibt.

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