Deutschland und das Auto: Brauchen wir tatsächlich immer noch ein eigenes Fahrzeug?

Datum
17. September 2026
brauchen wir das auto noch

Für viele Menschen in Deutschland gehört das Auto zum Leben wie der Kühlschrank zur Küche.

Es steht vor der Haustür, in der Garage oder irgendwo auf einem gemieteten Stellplatz und ist im Idealfall jederzeit verfügbar. Einkaufen? Auto. Wochenende? Auto. Urlaub? Auto. Zum Arzt? Auto. Und wenn man es gerade nicht braucht, steht es eben herum.

Das ist bequem. Aber auch ziemlich teuer.

Und deshalb könnte man sich zumindest einmal die Frage stellen:

Brauchen wir wirklich ein eigenes Auto – oder brauchen wir eigentlich nur die Möglichkeit, jederzeit mobil zu sein?

Fast 50 Millionen Autos in Deutschland

Deutschland ist nach wie vor ein Autoland.

Zum Jahresbeginn 2025 waren rund 49,3 Millionen Pkw zugelassen. Das entspricht einer Pkw-Dichte von etwa 590 Autos je 1.000 Einwohner. Besonders hoch ist die Autodichte in ländlich geprägten Bundesländern, während sie in Großstädten wie Berlin deutlich niedriger liegt.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen außerdem, dass die Pkw-Dichte langfristig eher gestiegen ist.

Gleichzeitig besitzen laut Destatis mehr als drei Viertel der deutschen Haushalte mindestens ein Auto.

Das Auto ist also keineswegs auf dem Rückzug.

Aber daraus folgt noch lange nicht, dass jeder einzelne Haushalt tatsächlich ein eigenes Fahrzeug braucht.

Das Auto hat einen unschlagbaren Vorteil

Man sollte bei dieser Diskussion nicht so tun, als wäre das Auto grundsätzlich eine schlechte Erfindung.

Es ist ausgesprochen praktisch und als Autofahrer ist man sehr flexibel.

Du kannst morgens spontan losfahren. Du musst keinen Fahrplan beachten. Du kannst schwere Einkäufe transportieren, Kinder zum Sport bringen, einen Hund mitnehmen oder am Wochenende irgendwohin fahren, wo weit und breit kein Bahnhof existiert.

Für Familien, Pendler, Handwerker oder Menschen auf dem Land kann ein eigenes Auto deshalb kaum zu ersetzen sein.

Und selbst wer hauptsächlich in der Stadt lebt, kann Situationen haben, in denen ein Auto plötzlich sehr praktisch wird.

Das Problem ist also nicht unbedingt das Auto.

Die interessante Frage lautet vielmehr: Muss dieses Auto uns gehören?

Auto besitzen oder Mobilität nutzen?

Hier kommen Alternativen ins Spiel.

Denn zwischen „eigenes Auto“ und „gar kein Auto“ gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Möglichkeiten.

Carsharing

Carsharing ist vermutlich die naheliegendste Alternative für Menschen, die gelegentlich ein Auto benötigen.

Man besitzt kein eigenes Fahrzeug, sondern nutzt eines, wenn es tatsächlich gebraucht wird.

Für den Weg zur Arbeit braucht man vielleicht gar kein Auto. Für den Großeinkauf am Samstag dagegen schon. Oder für einen Ausflug.

Deutschland hat mittlerweile eine durchaus beachtliche Carsharing-Landschaft.

Zum 1. Januar 2026 gab es laut Bundesverband Carsharing in Deutschland 293 Carsharing-Anbieter und rund 43.190 Carsharing-Fahrzeuge. Angebote gab es in 1.490 Gemeinden. In der repräsentativen Mobilität-in-Deutschland-Erhebung waren 2023 bereits 3,7 Millionen Haushalte bei einem Carsharing-Angebot angemeldet.

Für Großstädte kann das eine interessante Rechnung sein. Denn ein eigenes Auto kostet auch dann Geld, wenn es nicht fährt: Versicherung, Steuer, Wartung, Reifen, Reparaturen, Wertverlust und natürlich der Stellplatz.

Beim Carsharing bezahlt man dagegen vor allem für die tatsächliche Nutzung.

Dafür muss man mit einem kleinen Nachteil leben: Das Auto steht nicht immer direkt vor der eigenen Haustür und wartet auf seinen Besitzer.

Fahrrad und E-Bike: Für kurze Strecken erstaunlich gut

Noch einfacher ist es, das Auto für bestimmte Wege gar nicht erst zu ersetzen – sondern es komplett wegzulassen.

Gerade bei kurzen Strecken ist das Fahrrad häufig eine ziemlich effiziente Alternative.

Mit einem E-Bike wird der Radius noch einmal größer.

20 Kilometer Arbeitsweg klingen mit einem normalen Fahrrad vielleicht nach sportlichem Ehrgeiz. Mit einem guten E-Bike sieht die Sache schon anders aus. Auch Steigungen verlieren ihren Schrecken.

Das E-Bike ist deshalb eine interessante Zwischenlösung: deutlich flexibler als der öffentliche Verkehr, aber wesentlich günstiger und platzsparender als ein Auto.

Laut Destatis besaßen 2024 bereits 21,7 Prozent der deutschen Haushalte mindestens ein Elektrofahrrad.

Natürlich funktioniert das nicht für jeden.

Schlechtes Wetter, lange Strecken, schwere Transporte oder körperliche Einschränkungen können gute Gründe sein, trotzdem auf andere Verkehrsmittel zurückzugreifen.

Und dann wäre da noch der öffentliche Verkehr

Bus und Bahn haben gegenüber dem Auto einen großen Vorteil:

Während jemand anderes fährt, kannst du lesen, arbeiten, telefonieren, schlafen oder einfach aus dem Fenster schauen. Zumindest theoretisch.

Denn hier kommt ein ziemlich großes „Aber“.

Die Deutsche Bahn hat 2026 bislang nicht gerade Werbung für die Idee gemacht, das eigene Auto komplett abzuschaffen. Im ersten Halbjahr 2026 lag die Reisendenpünktlichkeit im Fernverkehr laut Deutscher Bahn bei 63,2 Prozent. Im August lag sie sogar nur bei 56,6 Prozent.

Das bedeutet nicht, dass jeder zweite Zug komplett ausfällt oder jeder Fahrgast massiv zu spät kommt. Die Statistik misst die Ankunft am Ziel mit maximal 14:59 Minuten Abweichung und berücksichtigt unter anderem auch Anschlüsse.

Aber man darf schon ein wenig schmunzeln:

Wenn das Auto abgeschafft werden soll, wäre es hilfreich, wenn der ICE nicht regelmäßig beweisen würde, warum man es vielleicht doch behalten möchte.

Die Bahn steht dabei allerdings vor großen Infrastrukturproblemen und umfangreichen Sanierungen. Die derzeitige Situation muss deshalb nicht zwangsläufig der Zustand der Zukunft sein. Für eine echte Alternative zum eigenen Auto braucht es aber einen öffentlichen Verkehr, auf den sich Menschen auch verlassen können.

Die 15-Minuten-Stadt

Damit sind wir bei einem Konzept, das in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert wurde: der 15-Minuten-Stadt.

Die Grundidee ist relativ simpel.

Alles, was man im normalen Alltag benötigt – Einkaufsmöglichkeiten, Schule, Ärzte, Freizeitangebote, Gastronomie oder öffentliche Verkehrsmittel – soll innerhalb von etwa 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein.

Das Ziel ist nicht, dass niemand mehr seine eigene Stadt verlassen darf.

Es geht vielmehr darum, dass man nicht für jeden kleinen Alltagsschritt ein Auto benötigt.

Das Konzept wird inzwischen auch wissenschaftlich intensiv untersucht.

Eine 2026 veröffentlichte Studie im Journal of Transport Geography kommt allerdings zu einem interessanten und durchaus kritischen Ergebnis: Wenn Menschen einen sehr großen Teil ihrer täglichen Aktivitäten in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes erledigen, kann das unter bestimmten Bedingungen sogar zu stärkerer sozialer Homogenität führen.

Vereinfacht gesagt:

Eine Stadt, in der alles in der Nähe ist, ist nicht automatisch eine Stadt, in der sich alle begegnen.

Entscheidend ist, was es in diesen Vierteln tatsächlich gibt.

Sind dort unterschiedliche Geschäfte, Schulen, Parks, Cafés, Kulturangebote und öffentliche Einrichtungen vorhanden, können kurze Wege durchaus Begegnungen fördern. Fehlt diese Vielfalt, kann die Nachbarschaft dagegen zur sozialen Blase werden.

Eine weitere aktuelle Untersuchung zur 15-Minuten-Stadt kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass reine Nähe nicht ausreicht. Eine Studie von 2025 zeigte, dass vorhandene Angebote in der Nähe nicht automatisch dazu führen, dass Menschen ihr Leben tatsächlich auf einen kleinen Bewegungsradius beschränken.

Das ist eigentlich ziemlich logisch.

Nur weil der Bäcker 500 Meter entfernt ist, bedeutet das noch lange nicht, dass du niemals in die Innenstadt fahren möchtest.

Mobilität ist mehr als der Arbeitsweg

Vielleicht liegt genau darin der Denkfehler bei vielen Diskussionen über das Auto.

Mobilität besteht nicht nur aus dem Weg zur Arbeit.

Wir fahren zu Freunden, besuchen Familie, machen Ausflüge, gehen ins Kino, fahren in die Berge oder ans Meer.

Wir verlassen unseren eigenen Stadtteil.

Wir wollen manchmal einfach irgendwohin, weil wir Lust darauf haben.

Eine vernünftige Verkehrspolitik sollte deshalb nicht versuchen, diese Bewegungsfreiheit abzuschaffen.

Sie sollte dafür sorgen, dass möglichst viele Wege ohne eigenes Auto funktionieren können.

Wer trotzdem ein Auto möchte, soll es natürlich weiterhin nutzen können.

Die Kombination könnte wichtiger werden als die einzelne Lösung

Vielleicht ist die Zukunft deshalb Fahrrad plus Bahn plus Carsharing plus ÖPNV.

Ein Beispiel:

Montag bis Freitag geht es mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Für den längeren Termin in einer anderen Stadt wird die Bahn genommen.

Für den Wochenendeinkauf wird ein Carsharing-Auto gebucht.

Für den Urlaub wird ein Mietwagen genommen.

Das klingt zunächst komplizierter als ein eigenes Auto.

In Wirklichkeit könnte es aber für manche Menschen sogar einfacher und günstiger sein.

Denn ein Auto, das 23 Stunden am Tag irgendwo herumsteht, ist eine ziemlich teure Form von Bereitschaft.

Für wen lohnt sich das eigene Auto?

Die Antwort hängt deshalb stark vom eigenen Leben ab.

Ein eigenes Fahrzeug kann sinnvoll sein, wenn du:

  • auf dem Land wohnst
  • täglich weit zur Arbeit fahren musst
  • Kinder regelmäßig transportierst
  • häufig schwere Dinge transportierst
  • beruflich auf ein Fahrzeug angewiesen bist
  • regelmäßig Strecken fährst, die mit Bus und Bahn kaum sinnvoll erreichbar sind
  • häufig unterwegs bist und maximale zeitliche Flexibilität brauchst

Anders kann die Rechnung aussehen, wenn du:

  • mitten in einer größeren Stadt wohnst
  • nur wenige Kilometer zur Arbeit hast
  • gut mit Bus und Bahn angebunden bist
  • Fahrrad oder E-Bike gerne nutzt
  • nur wenige Male im Monat ein Auto brauchst
  • Carsharing in der Nähe hast
  • selten lange Strecken fährst

Dann kann sich eventuell lohnen, mal nachzurechnen.

Das Auto ist auch eine Frage der Freiheit

Bei aller Diskussion über Kosten und Umwelt sollte man einen Punkt nicht unterschätzen:

Ein eigenes Auto fühlt sich nach Freiheit an.

Du steigst ein und fährst los.

Keine App. Keine Reservierung. Kein Fahrplan. Kein Warten.

Und genau deshalb werden viele Menschen ihr Auto auch dann behalten, wenn sie es wirtschaftlich vielleicht nicht unbedingt brauchen. Mobilität ist nicht nur eine mathematische Optimierung. Wenn jemand gerne Auto fährt und es sich leisten kann, spricht wenig dagegen.

Anders ist es, wenn Leute ein Auto besitzen müssen, weil es praktisch keine vernünftige Alternative gibt. Dann ist nicht unbedingt der Autofahrer das Problem. Vielleicht ist es die fehlende Infrastruktur.

Vielleicht brauchen wir weniger Autos – aber nicht weniger Mobilität

Die entscheidende Veränderung könnte deshalb sein, dass wir langsam zwischen Autobesitz und Mobilität unterscheiden.

Ein Auto ist ein Gegenstand. Mobilität ist eine Dienstleistung beziehungsweise eine Möglichkeit.

Man kann Mobilität kaufen, mieten, teilen, mit dem Fahrrad erzeugen oder mit Bus und Bahn nutzen. Und man kann verschiedene Möglichkeiten miteinander kombinieren.

Vielleicht sieht die Zukunft deshalb nicht so aus, dass Deutschland plötzlich autofrei wird. Wahrscheinlicher ist eine Mischung.

In der Stadt vielleicht weniger private Autos, dafür bessere Radwege, zuverlässiger ÖPNV und mehr Carsharing.

Auf dem Land dagegen weiterhin eine deutlich größere Bedeutung des eigenen Autos.

Dazwischen jede Menge Mischformen.

Und vielleicht wäre das sogar der vernünftigste Ansatz.

Nicht jedem Menschen vorzuschreiben, wie er mobil sein soll.

Sondern dafür zu sorgen, dass er überhaupt eine echte Wahl hat.

Denn erst wenn Bus, Bahn, Fahrrad, E-Bike, Carsharing und Auto tatsächlich miteinander funktionieren, wird aus der Frage

„Brauche ich ein eigenes Auto?“

eine echte Entscheidung – und keine Zwangslage.

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