Spritkosten 2026: Warum du an der Zapfsäule gerade richtig blutest
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Du hast diese Woche getankt und kurz überlegt, ob du nicht doch lieber das Fahrrad nimmst. Willkommen im Club. Am Mittwoch, 16. September 2026, kostete der Liter Super E10 im Bundesdurchschnitt 2,314 Euro, Diesel 2,453 Euro – beides Allzeitrekorde, und beim Diesel sogar ein Sprung über den bisherigen Höchststand vom 7. April hinaus. Innerhalb einer Woche legte Diesel um 10,1 Cent zu, E10 um 4,1 Cent. Für eine 50-Liter-Füllung wandern damit locker 120 Euro über die Theke. Quelle: ADAC.
Zeit, mal auseinanderzunehmen, was du da eigentlich bezahlst. Spoiler: Du bezahlst nicht in erster Linie Sprit. Du bezahlst Steuern mit einem Spritanhängsel.
Was in deinem Liter wirklich steckt
Der ADAC nennt drei staatliche Hauptbrocken: die Energiesteuer (früher Mineralölsteuer), die CO₂-Abgabe und die Mehrwertsteuer. Stand 1. Juli 2026 liegt die Energiesteuer bei 65,45 Cent pro Liter Benzin und 47,04 Cent pro Liter Diesel.
Der zweite Brocken ist die CO₂-Abgabe. 2026 gilt im nationalen Emissionshandel ein Preiskorridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne – nach 55 Euro im Vorjahr. Der ADAC rechnet dadurch mit etwa drei Cent mehr pro Liter, die Gesamtbelastung liegt 2026 bei bis zu 18,6 Cent pro Liter Benzin und 20,5 Cent pro Liter Diesel. Quelle: Gute Fahrt
Und dann kommt auch noch der Klassiker, die Mehrwertsteuer von 19 Prozent – und zwar auf den Gesamtbetrag inklusive Energiesteuer und CO₂-Abgabe. Eine Steuer auf die Steuer. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Wie das konkret aussieht, hat der ADAC an einem Beispieltag aufgeschlüsselt: Ein Liter Super E10 für 2,10 Euro (Stand 12. April 2026) enthielt 65,5 Cent Energiesteuer, 33,5 Cent Mehrwertsteuer und 15,7 Cent CO₂-Preis – zusammen 1,15 Euro, also mehr als die Hälfte, direkt an den Staat. Bei Diesel für 2,29 Euro waren es 47 Cent Energiesteuer, 37 Cent Mehrwertsteuer und gut 17 Cent CO₂-Preis. Quelle: tagesschau
Was bleibt? Der nicht-staatliche Teil: Rohölkauf, Transport, Raffinerie, Logistik, Marge von Ölkonzern und Tankstellenpächter. Bei Super E10 war das im April etwas weniger als die Hälfte, bei Diesel etwas mehr. Im Juli 2026 lag der Steuer- und Abgabenanteil im Schnitt bei rund 57 Prozent bei Benzin und rund 47 Prozent bei Diesel – 2025 waren es noch 64 bzw. 56 Prozent. Quelle: ADAC
Rekord? Ja, leider – und die Erklärung ist halbgar
Brent-Rohöl kostet aktuell knapp 110 US-Dollar pro Barrel. Und hier wird es spannend: Ende April kostete Brent ebenfalls rund 110 Dollar – der Liter Super E10 war damals aber für etwa 2,10 Euro zu haben. Heute sind es 2,31 Euro. Macht über 20 Cent Differenz bei praktisch identischem Rohölpreis. Der ADAC sagt selbst, Ölpreis und Euro-Dollar-Kurs rechtfertigen das aktuelle Niveau nur teilweise, und fordert mehr Transparenz bei Raffinerie- und Großhandelsebene. Übersetzt: Irgendwo zwischen Rohöl und Zapfsäule verschwindet eine hübsche Summe, und niemand will so richtig sagen, wo. Quelle: ADAC
Ein Blick über die Grenze lohnt sich in solchen Momenten immer – wenn auch nur, um sich richtig zu ärgern. Am 14. September zahlte Deutschland im EU-Tagesdurchschnitt 2,36 Euro für Super E5 und 2,43 Euro für Diesel. Luxemburg lag bei 1,79 Euro, Polen bei 1,82 Euro, Österreich bei 1,89 Euro, Tschechien beim Diesel bei 1,99 Euro. Nur Dänemark und die Niederlande waren beim Benzin noch teurer. Die Ursache ist wenig überraschend: Steuern und Abgaben, die bei uns nun mal höher ausfallen als beim Nachbarn. Quelle: Destatis
Kurzer Ausflug: Wie Öl die Welt übernommen hat
Ein bisschen Historie, weil sie die Abhängigkeit erklärt, in der wir gerade sitzen. Am 27. August 1859 stieß Edwin L. Drake in Titusville, Pennsylvania, in knapp 21 Metern Tiefe auf Öl – mit Technik, die aus dem Salzbergbau kam. Das war die Geburt einer Industrie, die unser Wirtschaften bis heute antreibt. Aus einem Lampenbrennstoff wurde Treibstoff, wurde Kunststoff, wurde Dünger, wurde Geopolitik.
Und der Stoff ist nicht knapp im geologischen Sinn. Die größten gesicherten Reserven liegen 2026 in Venezuela (knapp 304 Milliarden Barrel) und Saudi-Arabien (etwa 259 Milliarden Barrel). Knapp wird es nicht durch fehlendes Öl, sondern durch Förderkapazität, Raffinerien, Transportwege und die Frage, wer gerade mit wem Krieg führt. Genau deshalb ist Deutschland auch nicht mehr abhängig von einem einzigen Lieferanten: 2025 kamen nur 6,1 Prozent der deutschen Rohölimporte aus dem Nahen Osten, der größte Einzelposten war Norwegen mit 16,6 Prozent.
Jetzt zur Politik – dem unangenehmen Teil
Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar 2026 sind die Preise explodiert, weil die Straße von Hormus für den Öl- und Gashandel weitgehend blockiert ist. Die Bundesregierung reagierte mit dem Tankrabatt: Vom 1. Mai bis 30. Juni 2026 wurde die Energiesteuer um 14,04 Cent pro Liter gesenkt, inklusive Umsatzsteuereffekt eine Entlastung von rund 17 Cent brutto pro Liter. CDU/CSU und SPD wollten das nicht verlängern. Seit dem 1. Juli zahlst du also wieder voll.
Dazu kam am 1. April das sogenannte Österreich-Modell: Preiserhöhungen sind nur noch einmal täglich um 12 Uhr erlaubt, Senkungen jederzeit. Klingt verbraucherfreundlich, hat aber einen Nebeneffekt – der günstigste Tankzeitpunkt ist nicht mehr der Abend, sondern die Zeit kurz vor 12 Uhr. Danach springen die Preise. Niedersachsen hat wegen Verstößen gegen die 12-Uhr-Regel rund 1.900 Verwarnungen gegen etwa 250 Tankstellen ausgesprochen und droht jetzt mit Bußgeldern bis 100.000 Euro. Quelle: ADAC
Und dann ist da die Debatte, die seit Jahren in der Warteschleife hängt: das Dieselprivileg. Diesel wird steuerlich mit 47,04 Cent pro Liter begünstigt, Benzin mit 65,45 Cent belastet – ein Vorteil, der mal die Logistik und die Wirtschaft ankurbeln sollte. Der Bundesrechnungshof hält das für eine umwelt- und klimaschädliche Subvention und will es abschaffen. Passiert ist bisher nichts. Parallel warnt das DIW: Ab 2028 wird der CO₂-Preis nicht mehr politisch gedeckelt, sondern frei am Markt gebildet – bei 200 Euro pro Tonne wären das rund 67 Cent pro Liter Benzin und 74 Cent pro Liter Diesel. Bundeskanzler Merz hat Entlastungen angekündigt, eine Übergewinnsteuer für die Ölkonzerne aber abgelehnt. Die SPD ist dafür. Man berät. Quelle: Gute Fahrt
Kritisch zusammengefasst: Der Staat nimmt bei Benzin mehr als die Hälfte des Preises ein und nennt das Klimapolitik. Die Ölkonzerne nehmen den Rest und nennen es Markt. Und du stehst dazwischen und nennst es Frechheit. Beides hat ein Körnchen Wahrheit.
Was du trotzdem machen kannst
Tanken zwischen 10:30 und 11:55 Uhr, weil vor dem 12-Uhr-Sprung am günstigsten. Nicht die erstbeste Tankstelle nehmen – die Preisunterschiede liegen im Normalfall bei bis zu 7 Cent, gegenüber Autobahntankstellen deutlich mehr. Super E10 statt E5, das spart 5 bis 6 Cent pro Liter und schadet modernen Motoren nicht. Quelle: ADAC
Klingt nach Kleinkram, ist bei 2,45 Euro pro Liter aber der Unterschied zwischen „ich fahre noch“ und „ich laufe jetzt“.
Sprit ist 2026 kein Luxusgut, aber nah dran. Rund die Hälfte bis zwei Drittel deines Literpreises sind Steuern und Abgaben, ein wachsender Rest ist Ölmarkt und Marge. Wer dir erzählt, der Preis sei reine Physik, verschweigt die Politik. Und wer dir erzählt, es sei reine Politik, verschweigt den Markt. Es ist beides – und du zahlst die Rechnung.
